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Gustav Nagel als Werbe-Ikone

Wie sich der Förderverein an seinen Strategien orientiert, um das Areal bekannter zu machen

Dass sich eine Professorin genauer mit den Postkarten des einstigen Arendseer Wanderpredigers beschäftigt, kommt nicht jeden Tag vor. Heike Behrend ging auch darauf ein, warum Gustav Nagel Kleider trug, die für Frauen gedacht waren.

Christian Ziems

Mit langen lockigen Haaren und halbnackt – dies ist ein typisches Foto-/Postkartenmotiv von Gustav Nagel. Die Geschlechterforscherin Heike Behrend versuchte zu ergründen, was der Naturapostel damit bezwecken wollte.

Sie sprach während eines Vortrags beim jüngsten Symposium über Neugierde. Diese werde beim Betrachter ausgelöst, da Nagel ja nicht vollständig entblößt ist. Und Aufmerksamkeit ist beim Verkauf von Postkarten eine gute Marketing-Strategie.

Der Wanderprediger reizte auch die Grenzen der Fotografie aus, veränderte nachträglich Details und trug neben seiner langen Haarpracht auch Kleidungsstücke, die eher Frauen zuzuordnen sind. Heike Behrend betonte, zu seiner Lebenszeit (1874 bis 1952) war dies unüblich und sogar anstößig. Auf eine sichtbare Geschlechtertrennung wurde viel Wert gelegt.

Prophetische Blicke
in Richtung Himmel

Nicht so Gustav Nagel, der offensichtlich auch prophetisch rüber kommen wollte. Im Alltag setzte er allerdings schon auf die übliche Arbeitsteilung von Frauen und Männern und zeigt sich da eher konservativ. Der gläubige Christ, der mehr als einmal mit der evangelischen Kirche in Konflikt geriet, blickt bei einigen Aufnahmen nicht in die Kamera, sondern in die Ferne. So wie bei einem Exemplar mit Sternenhimmel – von einer Kunstanstalt in Gera grafisch gestaltet. Er hat sich also Gedanken darüber gemacht, wie er rüber kommen möchte. Darunter steht in der Rechtschreibung von Gustav Nagel: „o meine augen schauen zu got auf allezeit, darum ich schaue got den liben fater allezeit.“

Einige seiner Darstellungen entsprechen auch eher der katholischen als der evangelischen Kirche, fand die Professorin heraus. Er band auch Visionen mit ein, über die er, wie auch über andere Details seines Lebens, offen sprach.

Er nutzte zudem Vorträge, um seine Sicht der Dinge näher zu bringen. Und um in Zeiten, lange vor digitalen Möglichkeiten, Aufmerksamkeit zu erzeugen, griff er nicht nur auf Postkarten zurück.

Eine in dem Buch von Heimatforscherin Christine Meyer aufgeführte Geschichte ist ein weiteres Beispiel für seine Marketingfähigkeiten. Er kaufte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Tischdecke und schnitt den mühsam gestalteten Bereich in der Mitte raus – damals ein unerhörter Frevel. Der Wanderprediger steckte seinen Kopf durch das Loch und ließ die Tischdecke auf den Schultern liegen.

So lief er durch Arendsee, eine neugierige Menschentraube hinterher. Der Naturapostel befestigte eine Ankündigung für seinen Vortrag am Aushangbrett auf dem Marktplatz und konnte sich sicher sein, dieser wird gelesen. Denn etliche Menschen befanden sich ja bereits vor Ort. So manch einen Einwohner hat wohl die Neugierde gepackt und er ist hingegangen, obwohl ihm Nagel suspekt war. Von dieser Aufmerksamkeit profitierte der Arendseer genauso wie der Tourismus.

Daran möchte der Förderverein anknüpfen. Bei einem anderen Symposiumsvortrag ging es um Nagel als Tourismus-Botschafter. So sah er sich selbst, sein Bekanntheitsgrad – von dem Arendsee profitierte – war ihm bewusst. Er unterschrieb Schriftstücke auch schon mal mit „Kurdirektor“. Dieses Amt hatte er offiziell aber nie inne.

In seiner selbst verlegten ersten Tempelbotschaft wird die Schönheit des Sees beschrieben. Dazu gehört der angenehme Wechsel von Wasser und Wald. Eine ähnliche Werbeschrift könnte auch der Verein rausbringen, war beim Symposium zu hören. Erste Gespräche dazu laufen. Das Ziel des Vereins und des Wanderpredigers sind gleich: Aufmerksamkeit erzeugen. Vorsitzende Antje Pochte sprach davon, Menschen davon zu überzeugen, Projekte auf dem Areal am See finanziell zu unterstützen. Diese könnte mit einer Werbeoffensive gelingen.